Junge Menschen sind in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert
Osnabrück/Belm. Nach der Uni nicht zur Party, sondern ins Rathaus: Es gibt sie – Männer und Frauen unter 30, die so manchen Abend in Ausschuss- und Ratssitzungen verbringen. Die mitbestimmen, wenn über Krippengebühren, Zuschussanträge und Straßensanierungen entschieden wird. Doch wenn sie einen Blick durch die Reihen der übrigen Ratsmitglieder werfen, bietet sich überall dasselbe Bild: alle jenseits der 40. Mindestens.
„Manche sind schon länger im Rat, als ich auf der Welt bin“, sagt Matthias Seestern-Pauly. Er ist Jahrgang 1984 und seit 2006 Ratsherr in Bad Iburg. Als er in den Rat gewählt wurde, war er gerade einmal 22 Jahre alt – und wurde gleich FDP-Fraktionsführer. „Vor meiner ersten Sitzung hatte ich die Befürchtung: Ich bin ja schon sehr jung, nehmen die mich überhaupt für voll?“, erinnert er sich. Rasch stellte sich für ihn heraus: alles nur eine Frage der Vorbereitung.
Auch Andrés Mendéz Inclán (SPD), mit 27 Jahren zweitjüngster Ratsherr in Belm, hat nur positive Erfahrungen gemacht: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, wegen meines Alters nicht ernst genommen zu werden – weder in der Fraktion noch im Rat“, sagt er.
„Interessant an der Arbeit ist, dass man mit völlig unterschiedlichen Menschen zusammenarbeitet“, sagt Julia Dippel, 28 Jahre alt und SPD-Ratsfrau in Hasbergen. Im Rat ist sie die Jüngste, aber das Alter sei nicht entscheidend. Vielmehr gehe es um die unterschiedlichen Ansichten der Politiker. „Das geht im Hasberger Rat quer durch alle Gesellschaftsschichten: vom Sparkassen-Filialleiter über Polizisten und Tagesmütter bis hin zu Rentnern“, so Dippel. „Auch wenn man sich zu Beginn nicht so sehr für Grundwasser und Krippengebühren interessiert hat, ist es spannend, die verschiedenen Perspektiven kennenzulernen.“ Und: „Als Ratsmitglied hat man die Möglichkeit mitzugestalten. Die Ergebnisse kann man direkt vor Ort sehen und man bekommt ein Feedback von den Bürgern.“
Doch wer mitgestalten will, braucht Zeit – und viele junge Menschen sind bereits mit Studium oder Ausbildung und Nebenjobs ausgelastet. „In viele Themen muss man sich erst einmal einarbeiten“, sagt Andrés Mendéz Inclán. Er ist nicht nur für die SPD Mitglied im Belmer Gemeinderat, sondern auch im Kreistag. Da kommen manchmal mehrere Sitzungen in der Woche zusammen – Ausschüsse, Rats- und Fraktionssitzungen, außerdem Wochenendtermine mit Vereinen und Feste.
„Es ist natürlich einfacher, die Wochenenden auf Partys zu verbringen“, meint Mendéz Inclán. Doch er würde sich jederzeit wieder auf kommunaler oder auf Kreisebene engagieren. „Man lernt sehr viel fürs eigene Leben: Rhetorik, das Verhalten bei Empfängen, Kompromisse schließen“, zählt der junge Politiker auf. Aufgewachsen ist Andrés Mendéz Inclán übrigens in Belm, aber erst seit einem Jahr hat er neben der spanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft.
Politisch interessiert sind die jungen Ratsmitglieder schon seit ihrer Schulzeit. Sozial engagiert ebenfalls – sei es in Vereinen oder in der Schülervertretung. Irgendwann haben sie sich dann entschieden, der Partei beizutreten, mit der sie sich am besten identifizieren konnten.
Bei Mendéz Inclán war es die SPD. „Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mich aktiv einbringen möchte. Und dann rutschte ich von einem Amt zum nächsten“, erzählt er. Auch Katharina Pötter wollte sich nicht immer nur beschweren, „sondern etwas verändern“, sagt sie. Über die Schülerunion kam sie zur Jungen Union und dann zur CDU. „Dann bin ich gefragt worden, ob ich mich nicht aufstellen lassen möchte.“ Sie wollte. Seit nunmehr zehn Jahren sitzt die heute 31-Jährige für die CDU im Osnabrücker Stadtrat.
Doch für viele andere Jungpolitiker kommt im Laufe der ersten Amtszeit der Studienabschluss und damit auch oft ein Ortswechsel zwecks Berufswahl. Wer ein Mandat übernimmt, bindet sich allerdings für die Dauer von mindestens fünf Jahren – ein weiterer Grund, warum so viele junge Menschen davor zurückschrecken.
Dabei hat man als junger Mensch gute Chancen auf einen vorderen Listenplatz – denn den Parteien ist daran gelegen, frischen Wind in ihre Fraktionen zu bringen. Auch für Katharina Pötter ist dieses „Auffrischen“ eine Motivation für ihr Ehrenamt. „Aber zu akzeptieren, dass manche Prozesse jahrelang dauern, daran habe ich mich nur schwer gewöhnen können“, sagt sie rückblickend. „Da muss man schon mit Herzblut dabei sein.“
In der Friedensstadt gibt es seit 2001 das Projekt „KidS – Kommunalpolitik in die Schulen“. Schüler begleiten dabei Osnabrücker Ratsmitglieder bei ihrer Arbeit. Für Charlotte Winkler (FDP), die schon mit 16 Jahren den Jungliberalen beitrat, war das der Anstoß, sich 2006 für die Wahl zum Stadtrat aufstellen zu lassen. Damals war sie 18 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur. „Kommunalpolitik geht jeden direkt an“, betont die 23-Jährige, die Mitglied des Schulausschusses ist. „Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr junge Menschen einbringen.“
NOZ Lokales | 17. März 2011